Einer traditionellen (positivistischen) Auffassung nach artikuliert sich die Reihenfolge
geisteswissenschaftlicher Arbeit in zwei aufeinander aufbauenden Schritten: Im ersten
Schritt wird der Text festgestellt, d. h. die überlieferten oder aufgefundenen Textfassungen
werden kritisch verglichen oder kollationiert, um eine möglichst endgültige, kanonische
Textfassung herzustellen oder zu rekonstruieren. Dies wäre die Aufgabe der Philologie.
In einem zweiten Schritt soll die Interpretation (Hermeneutik) folgen, d. h. eine
aus unterschiedlichen Aspekten vollzogene Deutung jener Textfassung, die als Resultat
der philologischen Arbeit festgelegt und der Interpretation zur Verfügung gestellt
worden ist. Die Philologie ginge demzufolge der Hermeneutik voraus und spaltet sich
augenfällig von ihr ab, während sich die Deutung ihrerseits auf die Resultate der
philologischen Arbeit stützt. Dieses nahe liegende (idealtypische) Schema mag sich
wohl in einzelnen – glücklichen – Fällen als funktionsfähig erweisen, versagt jedoch
beim (historisch-kritischen) Edieren von Texten einiger bedeutender Denker.
Das Herstellen oder Feststellen der Texte selbst erfolgt nämlich nicht unter Laborumständen
oder in einem quasi deutungsleeren oder interpretationsfreien Raum. Der Fall Hegel
z. B. scheint denn auch vom Gegenteil zu zeugen: In der heutigen Hegel-Forschung wird
eine Ansicht geltend gemacht, nach welcher die Schüler Hegels dessen Texte auf Grund
ihres eigenen Hegel-Bildes (d. h. ihrer Hegel-Interpretationen) ediert und herausgegeben
hätten. Im vorliegenden Aufsatz wird das Verhältnis zwischen Textkritik, Interpretation
und Editionsgeschichte anhand von Fallstudienbeispielen zur Diskussion gestellt; thematisiert
wird vor allem die Geschichte der Hegel-Editionen.